{"id":132,"date":"2011-05-05T15:33:23","date_gmt":"2011-05-05T13:33:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.aktion-hip.ch\/blog\/?p=132"},"modified":"2011-05-05T15:33:23","modified_gmt":"2011-05-05T13:33:23","slug":"wertvoller-tausch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aktion-hip.ch\/blog\/?p=132","title":{"rendered":"Wertvoller Tausch"},"content":{"rendered":"<p><em>Am Schluss des Einkaufs fragt die Frau an der Kasse: &#8220;M\u00f6chten Sie die Quittung&#8221;. Ich nehme die Quittung in Empfang und damit ist der Kaufvorgang abgeschlossen. Alle tempor\u00e4ren Ungleichgewichte sind aufgel\u00f6st, wir sind &#8220;quitt&#8221; und ich kann, befreit von jeglichen in diesem Tauschakt entstandenen Abh\u00e4ngigkeiten, das Lokal verlassen.<\/em><\/p>\n<p><!--more-->Der Tauschakt ist etwas Allt\u00e4gliches, deshalb wird uns dessen Komplexit\u00e4t kaum noch bewusst. Die Wortbedeutung der verwendeten Begriffe deutet es an: Der Tauschakt ist eine soziale Interaktion, welche tief in unserer Kultur verankert ist.<\/p>\n<p>Wie vielschichtig der Austausch tats\u00e4chlich ist, l\u00e4sst sich gut am Beispiel einer Internet-basierten Tauschaktion darstellen. Ich bin auf der Suche nach einem spezifischen Produkt und finde im Internet ein passendes Angebot. Auf der Webseite kreuze ich das entsprechende Produkt an und teile die gew\u00fcnschte St\u00fcckzahl mit. Mit dem Abschicken des Formulars habe ich mein Kaufinteresse postuliert und damit den Prozess er\u00f6ffnet. In diesem Moment bin ich in gewissem Mass vom Anbieter abh\u00e4ngig geworden: Ich m\u00f6chte das Produkt und bin darauf angewiesen, dass der Anbieter das Produkt wie versprochen liefern kann. Sobald der Anbieter mein Kaufinteresse wahrgenommen und den Versand des Produkts eingeleitet hat, kehrt sich die Abh\u00e4ngigkeit um: Nun hat der Anbieter in die anonyme Beziehung investiert und ist darauf angewiesen, dass ich mein Kaufinteresse aufrecht erhalte. Der Anbieter ist zum Verk\u00e4ufer geworden. Seine Abh\u00e4ngigkeit akzentuiert sich in dem Moment, in welchem das Produkt bei mir eintrifft. Nun ist er abh\u00e4ngig davon, dass ich den Empfang des Produkts wahrheitsgem\u00e4ss mitteile und dessen Bezahlung in den Weg leite. Indem ich die \u00dcberweisung einleite, wird die Abh\u00e4ngigkeit des Verk\u00e4ufers schrittweise aufgel\u00f6st. Wenn meine \u00dcberweisung beim Verk\u00e4ufer eintrifft, sind wir zwar materiell ausgeglichen, der Tauschakt ist aber noch nicht abgeschlossen. Erneut hat sich nun die Abh\u00e4ngigkeit gekehrt: Nun bin ich davon abh\u00e4ngig, dass der Verk\u00e4ufer den Eingang der Zahlung mitteilt. Trifft diese Meldung nicht ein, muss ich gew\u00e4rtigen, dass der Verk\u00e4ufer noch einer Rechnung bei mir offen hat und eine entsprechende Forderung stellt. Ich ben\u00f6tige also eine Quittung, um diese Abh\u00e4ngigkeit aufgel\u00f6st zu sehen. Erst wenn ich diese Quittung erhalten habe, sind wir \u201equitt\u201c, bin ich sicher davor, in Zukunft in irgendeiner Weise f\u00fcr diese Transaktion belangt werden zu k\u00f6nnen. F\u00fcr den Verk\u00e4ufer ist es nicht mehr notwendig, dass der K\u00e4ufer den Erhalt der Quittung best\u00e4tigt. F\u00fcr die Rechtsinstitution ist es ausreichend, dass der Verk\u00e4ufer beweisen kann, dass er die Quittung verschickt hat. Dies kann z.B. mit einer Kopie der Quittung gew\u00e4hrleistet werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass der Tauschakt ein Ende finden kann und das Versenden einer Best\u00e4tigung nicht durch die Best\u00e4tigung des Empfangs diese Best\u00e4tigung usw. (eine potentiell unendliche Schlaufe) belegt werden muss.<\/p>\n<p><strong>Tauschakte kosten<\/strong><\/p>\n<p>Der Tauschakt ist eine soziale Interaktion, auch in der modernen Zeit, wo Tauschakte \u00fcber das Internet abgewickelt werden und sich die Tauschpartner anonym bleiben. Soziale Interaktionen haben es an sich, in irgendeiner Weise \u201eklebrig\u201c zu sein. Sie bilden den Stoff, welcher die sozialen Gemeinschaften zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Im Tauschakt aber kommen solche klebrigen Interaktionen ungelegen. Jede unaufgel\u00f6ste Interaktion hindert mich, eine neue Tauschbeziehung einzugehen. Die Anzahl der sozialen Beziehungen, welche ein Mensch unterhalten kann, ist beschr\u00e4nkt. Kann die soziale Beziehung in einem Tauschakt nicht aufgel\u00f6st werden, bleibe ich in solchen Beziehungen gefangen und bin gezwungen, Tauschgesch\u00e4fte mit Partnern abzuwickeln, welche die Produkte nicht in gew\u00fcnschtem Mass oder in der erforderlichen Qualit\u00e4t liefern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch gl\u00fccklicherweise ist dies nicht der Fall. Es ist eine grossartige Innovation der Moderne, dass der Tauschakt als soziale Interaktion in einem geordneten Prozess aufgel\u00f6st werden kann. Diese Innovation macht es mir m\u00f6glich, massenhaft mit mir unbekannten Personen Tauschakte abwickeln zu k\u00f6nnen. Auf diese Weise wird mein Leben materiell reicher, ohne dass das soziale Leben leiden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Der Tauschakt ist die Grundlage f\u00fcr die arbeitsteilige Gesellschaft. Wenn wir nur das konsumieren k\u00f6nnten, was wir mit eigenen H\u00e4nden erarbeiten, w\u00fcrden wir ein elendes, ein bitter armes Leben f\u00fchren. Unser gesellschaftlicher Wohlstand gr\u00fcndet somit auf dem Tauschakt. Damit in einer Massengesellschaft Konsum f\u00fcr die Massen m\u00f6glich wird, muss der Tauschakt, obwohl ein komplexer Prozess, wasserdicht institutionalisiert sein. Er muss auch bei massenhafter Aus\u00fcbung effizient zu Ziel f\u00fchren. Jeder Tauschakt, welcher statt in seiner Aufl\u00f6sung in einen Rechtsh\u00e4ndel ausartet, vernichtet Wohlstand, statt dass er solchen erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Jeder Tauschakt, ob er gelingt oder misslingt, verursacht Kosten. Selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen die Kosten, welche der Tauschakt beinhaltet, geringer sein als der Nutzen, welche der erfolgreiche Tausch den Tauschpartnern gew\u00e4hrt. Dieser Sachverhalt macht es m\u00f6glich, dass sich Intermedi\u00e4re in den Tauschprozess einschalten k\u00f6nnen. Solche Intermedi\u00e4re versprechen, die Kosten des Tauschprozesses zu senken und lassen sich ihre Dienstleistung mit einem Anteil der Einsparungen verg\u00fcten. Auf diese Weise profitieren von einer solchen Dienstleistung alle beteiligten Parteien.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch Effekte, welche die Kosten des Tauschakts erh\u00f6hen. Dies geschieht beispielsweise, wenn die Institutionen, welche den Tauschakt st\u00fctzen, geschw\u00e4cht werden. Ist etwa das Vertrauen der Tauschpartner in die Rechtssicherheit oder die sozialen Normen geschw\u00e4cht, so werden sie versuchen, zus\u00e4tzliche Informationen \u00fcber die andere Partei zu gewinnen. Dieser zus\u00e4tzliche Aufwand ist zwangsl\u00e4ufig mit Suchkosten verbunden.<\/p>\n<p>Auch Regulierungen des Tauschakts f\u00fchren dazu, dessen Kosten zu erh\u00f6hen. Diese Regulierungen m\u00f6gen im Einzelfall unbedeutend wirken, im Massengesch\u00e4ft k\u00f6nnen sie zu massiven Belastungen f\u00fchren. Trotzdem k\u00f6nnen solche Regulierungen ihre Berechtigung haben. Wenn eine Regulierung dazu f\u00fchrt, dass eine zuvor geschw\u00e4chte Institution wieder gest\u00e4rkt wird, wenn beispielsweise das Vertrauen in die Rechtssicherheit dank der Regulierung erh\u00f6ht wird, so ist die Regulierung insgesamt vorteilhaft. Soll der Tauschakt einer zus\u00e4tzlichen Regulierung unterworfen werden, so ist deshalb sorgf\u00e4ltig abzuw\u00e4gen, welche M\u00e4ngel damit eliminiert werden sollen.<\/p>\n<p><strong>Produktion und Zirkulation<\/strong><\/p>\n<p>Die marxistische Philosophie unterscheidet zwischen Produktions- und Zirkulations-Sph\u00e4re. Gem\u00e4ss dieser Philosophie wird der gesellschaftliche Mehrwert in der Produktions-Sph\u00e4re, in der landwirtschaftlichen und industriellen G\u00fcterproduktion erzeugt. In der Zirkulations-Sph\u00e4re dagegen, so diese Auffassung, wird der vorhandene Wert nur noch verteilt. Entsprechend wird der Bereich des Austauschs und Vertriebs, wo sich Angebot und Nachfrage finden, gering gesch\u00e4tzt. Auch allen Dienstleistungen, welche die Austauschprozesse effizienter machen, wird kein eigenst\u00e4ndiger Wert zugemessen. Dies entspricht durchaus dem Alltagsverst\u00e4ndnis, welches den Produktionsprozess mit Arbeit, Schweiss und M\u00fchsal assoziiert, an dessen Ende ein greifbares Gut steht. Im Austauschprozess dagegen werden die Werte verschoben, verschwinden bisweilen und tauchen wie durch Zauberhand an anderer Stelle wieder auf.<\/p>\n<p>Wer \u00fcber ein grundlegendes Verst\u00e4ndnis der Marktwirtschaft verf\u00fcgt, weiss, dass eine solche Ansicht der Realit\u00e4t nicht entspricht. Jedes produzierte Gut, das keinen K\u00e4ufer findet, ist wertlos und landet im Abfall. Der Wert eines Guts ergibt sich im Tauschakt aus dem subjektiven Wert, den der K\u00e4ufer dem gew\u00fcnschten Gut zumisst. Damit in einer arbeitsteiligen Gesellschaft Wohlstand entsteht, braucht es deshalb Produktion und Austausch gleichermassen.<\/p>\n<p>Aus dieser Einsicht \u00fcber den Tauschakt ergibt sich automatisch das Verst\u00e4ndnis, dass der Markt als Summe aller Tauschvorg\u00e4nge das effizienteste Instrument ist, um die T\u00e4tigkeiten der Individuen in einer arbeitsteiligen Gesellschaft zu koordinieren. Es ist nicht eine zentrale Institution, welche mit Massstab und Stoppuhr misst, wie viele G\u00fcter produziert worden sind und wir reich demnach die Gesellschaft ist. Es ist die Aggregation der in unz\u00e4hligen Tauschakten ermittelten Werte, welche den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand ergibt.<\/p>\n<p>Der Umstand, dass die Wertsch\u00f6pfung des Tauschakts weitgehend unbewusst und ungesch\u00e4tzt bleibt, erh\u00f6ht die Gefahr, dass mit unbedachten Eingriffen in den Tauschprozess dessen Effizienz unterminiert wird. Diese Gefahr ist umso gr\u00f6sser in dieser durch die Wirtschaftskrise gepr\u00e4gten Zeit, wo die Marktwirtschaft unter Generalverdacht steht. In dieser Zeit ist der Ruf nach Kontrolle und Regulation nahe. Doch jede Regulation von Tauschprozessen bringt nicht-intendierte Folgen mit sich, welche m\u00f6glicherweise drastischen Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Wohlstand haben.<\/p>\n<p>In einem \u00fcber Jahrhunderte dauernden Prozess ist der Tauschakt derart tief in die menschliche Kultur verankert worden, dass seine Komplexit\u00e4t im Alltag kaum noch wahrgenommen wird. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns des Werts des Tauschakts wieder bewusst werden, ebenso seiner Vielfalt, seiner Komplexit\u00e4t und seiner Abh\u00e4ngigkeiten. Erst wenn wir uns dieses Werts bewusst sind, k\u00f6nnen wir den Tauschakt als genuin menschliches Kulturgut in seiner Vitalit\u00e4t erhalten und weiter entwickeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Schluss des Einkaufs fragt die Frau an der Kasse: &#8220;M\u00f6chten Sie die Quittung&#8221;. Ich nehme die Quittung in Empfang und damit ist der Kaufvorgang abgeschlossen. 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