{"id":260,"date":"2014-05-05T23:13:33","date_gmt":"2014-05-05T21:13:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.aktion-hip.ch\/blog\/?p=260"},"modified":"2014-05-05T23:17:54","modified_gmt":"2014-05-05T21:17:54","slug":"der-geborene-aussenseiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aktion-hip.ch\/blog\/?p=260","title":{"rendered":"Der geborene Aussenseiter"},"content":{"rendered":"<p><i>Asperger in unserer Gesellschaft<\/i><\/p>\n<p><em>Personen mit Asperger-Syndrom bewegen sich in der Gesellschaft als h\u00e4tten sie eine Tarnkappe \u00fcbergest\u00fclpt bekommen. Sie fallen nicht auf und finden keine Beachtung. Eine solche Unsichtbarkeit kann viele Formen annehmen, wie folgende Beispiele zeigen.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein Asperger war in einem Verband engagiert und regte in Rahmen seines Engagements einen Weiterbildungskurs f\u00fcr die Verbandsmitglieder an. Weil ihn das Thema auch selbst interessierte, \u00fcbernahm er die Organisation dieses Kurses. Als Kursverantwortlicher kontaktierte er die Referenten, organisierte das Kurslokal, gestaltete die Kursausschreibung und verwaltete die Anmeldungen. Am letzten Kurstag verdankte ein anderes Verbandsmitglied den Referenten, welcher den Dank artig weitergab an die Institutionen, welche die Veranstaltung sponserten. Weil die Kursmitglieder mit dem Kurs zufrieden waren, stimmte sie in den Dank ein, so dass reihum Dankesbekundungen verteilt wurden. Bloss eine Person blieb bei diesen Verdankungen unerw\u00e4hnt: der Asperger, welcher den Kurs initiiert und organisiert hatte.<\/p>\n<p>In einem anderen Fall wurde eine Person mit Asperger zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Weil die einladende Person einen grossen Freundeskreis hatte, kamen viele Personen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund zusammen. Um den Austausch zwischen den G\u00e4sten zu erleichtern, stellte der Jubilar in seiner Ansprache reihum alle G\u00e4ste vor und erz\u00e4hlte \u00fcber seinen Bezug zur jeweiligen Person. Eine Person ging allerdings bei dieser Vorstellungsrunde vergessen: es war der Gast mit Asperger-Syndrom.<\/p>\n<p><b>Aufmerksamkeits-Defizit<\/b><\/p>\n<p>Wie kommt es, dass Personen mit Asperger-Syndrom immer wieder erfahren m\u00fcssen, bloss als <i>second class citizens<\/i> wahrgenommen zu werden?<\/p>\n<p>Einerseits liegt das am Erscheinungsbild und Kommunikationsverhalten von Menschen mit Asperger. Neurotypische (d.h. normale) Menschen erwidern oder spiegeln unwillk\u00fcrlich die K\u00f6rperhaltung und das Verhalten ihres Gegen\u00fcbers. Auf diese Weise schwingen sich die Gespr\u00e4chspartner gleichsam auf die Stimmung ihres Gegen\u00fcbers ein. Mit der K\u00f6rperhaltung signalisieren die Gespr\u00e4chspartner Einverst\u00e4ndnis oder Unverst\u00e4ndnis, worauf das Gegen\u00fcber je nachdem weiterfahren oder nachkl\u00e4ren kann. Wenn der H\u00f6rer die K\u00f6rperhaltung des Senders aufnimmt, kann er zus\u00e4tzlich den Gespr\u00e4chsakt nachstellen, was ihm hilft, die vom Sender \u00fcbermittelte Information nachzuvollziehen. In einem anregenden Gespr\u00e4ch, in welchem der inhaltlich Austausch wirkungsvoll durch den non-verbalen Kanal unterst\u00fctzt wird, k\u00f6nnen sich die Gespr\u00e4chspartner vollst\u00e4ndig in den Austausch vertiefen und die Atmosph\u00e4re um sich herum vergessen. Je intensiver der Austausch gepflegt wurde, desto tiefer gr\u00e4bt er sich im Ged\u00e4chtnis ein.<\/p>\n<p>Ganz anders die Interaktion mit einem Asperger. Hier ist der non-verbale Kanal gest\u00f6rt. Der K\u00f6rper des Aspergers schwingt nicht auf der Wellenl\u00e4nge seines Gespr\u00e4chspartners. Eine leichte \u00c4nderung der Mimik oder der K\u00f6rperhaltung bleibt ohne Wirkung beim Asperger. Der neurotypische Gespr\u00e4chspartner wiederum nimmt keine non-verbalen Signale des Aspergers wahr, weil keine ausgesendet worden sind. Er legt diesen Kanal entweder still oder richtet ihn anders aus. Sein Blick schweift wie derjenige des Asperger-Gespr\u00e4chspartners ab. Mit dem Blick schweift auch die Aufmerksamkeit ab, das Gespr\u00e4ch wird \u00fcberlagert durch atmosph\u00e4rische Eindr\u00fccke. Entsprechend schwach setzt sich eine solche Interaktion im Ged\u00e4chtnis der Personen fest.<\/p>\n<p><b>Authentizit\u00e4t<\/b><\/p>\n<p>Nicht nur k\u00f6rperlich schwingen Asperger schlechter mit, auch inhaltlich bewegen sie sich oft in einem Bereich am Rand des Spektrums, welches von ihrem Kollegenkreis akzeptiert wird. Dies hat seinen Grund in einem anderen Charaktermerkmal von Asperger. Personen mit Asperger sind \u00fcberdurchschnittlich genau und kritisch, auch sich selbst gegen\u00fcber. Diese Besonderheit \u00e4ussert sich beispielswiese darin, dass Asperger leichtfertig ge\u00e4usserte und als Wahrheiten hingestellte Behauptungen nicht einfach hinnehmen wollen, sondern diese skeptisch hinterfragen. Was im intellektuellen Diskurs als Verhalten von m\u00fcndigen und selbstbewussten B\u00fcrgern gelobt wird, wird in der Peergruppe als tr\u00f6lerisches Verhalten abgelehnt.<\/p>\n<p>Im gesch\u00e4ftlichen Alltag f\u00fchrt dieses Verhaltensmerkmal von Asperger weniger zu Problemen, im Gegenteil. Wenn es um technische und methodische Fragen geht, ist die Sorgfalt von Personen mit Asperger wertvoll und wird gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Im kollegialen Umfeld, an einem Stammtisch beispielsweise, wo nicht gesch\u00e4ftliche und fachliche Fragen, sondern gesellschaftliche Themen verhandelt werden, kann ein Asperger mit seinem Insistieren Irritationen ausl\u00f6sen. Diskussionen im Freundeskreis sind meist mit grundlegenden ideologischen Haltungen unterlegt, zu Glaube, Gerechtigkeit oder Freiheit beispielsweise. F\u00fcr den Zusammenhalt und das Zusammenspiel einer Peergruppe ist entscheidend, dass ein grunds\u00e4tzlicher Konsens \u00fcber deren ideologische Ausrichtung besteht. Wie alle Menschen auch wird sich der Asperger eine Peergruppe suchen, in welcher er sich bez\u00fcglich seiner ideologischen Einstellungen wohlf\u00fchlt, in welcher er sich aufgehoben und akzeptiert sieht. Doch w\u00e4hrend normale Menschen ihre Einbindung in der Peergruppe \u00fcber Jahre aufrechterhalten k\u00f6nnen, ist diese Einbindung bei Asperger vielfach gef\u00e4hrdet. Die mangelnde F\u00e4higkeit von Personen mit Asperger, die Stimmungen in der Gruppe wahrzunehmen, und mehr noch ihre Bereitschaft, die grundlegenden Annahmen des Gruppenkonsenses in Frage zu stellen und ihre eigenen Ansichten aufgrund von neuen Erkenntnissen anzupassen, wird den Asperger fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in Konflikt mit seinem Kollegenkreis bringen.<\/p>\n<p>Die Schwierigkeiten, die ein Asperger in einer Peergruppe hat und verursacht, hat nichts mit b\u00f6ser Absicht zu tun. Der Grund f\u00fcr solche Schwierigkeiten ist vielmehr, dass sich der Asperger, was seine Ansichten betrifft, asynchron zur akzeptierten Meinung in der Gruppe entwickelt. Wo die Gruppenmeinung modischen Schwankungen folgt, wird der Asperger auf seiner Meinung beharren, solange er sie als fundiert erachtet. Wo die Gruppe eingespielte Argumentationen hochh\u00e4lt, auch wenn diese auf Annahmen beruhen, welche nicht mehr l\u00e4nger aufrechterhalten werden k\u00f6nnen, so wird der Asperger unger\u00fchrt ideologischen Ballast \u00fcber Bord werfen, sobald diese seinen neuen Erkenntnissen widersprechen. Wo die Gruppenmitglieder bereit sind, grosse Widerspr\u00fcche zwischen ihren postulierten Haltungen und ihrem Verhalten hinzunehme, wo sie bereitwillig Meinungen \u00e4ussern, welche ihren konkreten Erfahrungen offensichtlich widersprechen, wird der Asperger versuchen, ein m\u00f6glichst konsistentes Bild der Welt zu entwerfen und umzusetzen. Die eigent\u00fcmliche Interpretation von Wahrheit und Authentizit\u00e4t, welche f\u00fcr Asperger typisch ist, macht sie zwangsl\u00e4ufig zu potentiellen St\u00f6renfriede und Aussenseiter in der Gruppe, denn ungl\u00fccklicherweise sind die meisten Menschen mehr an Beziehungen als an Wahrhaftigkeit interessiert.<\/p>\n<p>Es ist deshalb nicht Boshaftigkeit oder Geringsch\u00e4tzung, wenn der Asperger bei der Vorstellungsrunden vergessen wird. Ein solcher Vorfall ist vielmehr Ausdruck davon, dass sich der Asperger auf eigene Art entwickelt hat. Er passt nicht mehr zu den Vorstellungen, die man fr\u00fcher von ihm hatte, aber er entwickelte sich auch nicht auf typische Art. Er ist auf eine Art anders geworden, auf welche keine Etikette passt. Wo eine Person nur noch f\u00fcr sich steht und nicht mehr mit einer Gruppe oder einer Marke in Verbindung gebracht werden kann, besteht Gefahr, dass diese Person vergessen geht.<\/p>\n<p><b>Leben im Schatten<\/b><\/p>\n<p>Asperger erregen nur dann Aufmerksamkeit, wenn sie \u00fcber eine Inselbegabung verf\u00fcgen, welche ins Auge sticht. In Normalfall erregen Asperger wenig Aufmerksamkeit, und so erhalten sie auch wenig Anteilnahme. Dieser Mechanismus hat einschneidende Konsequenzen f\u00fcr die Asperger in unserer Gesellschaft.<\/p>\n<p>Wenn wir die Selektionsmechanismen betrachten, welche den beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg steuern, so erkennen wir, dass Personen mit Asperger systematisch benachteiligt werden. W\u00fcrden solche Mechanismen einzig auf Talent und Leistung beruhen, w\u00e4re die Welt f\u00fcr Asperger in Ordnung. Beim Aufmerksamkeitswettbewerb, welcher ebenso wichtig ist, haben die Asperger allerdings schlechte Karten. Weil sie diesen Faktor nicht richtig einzusch\u00e4tzen verm\u00f6gen, verpassen sie leichtfertig die ersten Bef\u00f6rderungschancen. Mit zunehmender Zeit wird der Umstand, dass sie nicht oder nur langsam vorw\u00e4rts kommen, als Indiz gewertet, dass sie f\u00fcr weiterf\u00fchrenden Aufgaben nur schlecht geeignet sind. So bleiben Asperger oft auf Positionen stecken, auf welchen sie ihr K\u00f6nnen nur schlecht entfalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was ist zu tun mit Asperger in unserer Gesellschaft? Asperger-Personen sind wie verborgene Perlen. Mit ihrem Fachwissen stellen sie ein Potential dar, welches in vielen F\u00e4llen brachliegt, weil es nicht beachtet wird. Mit ihrer Authentizit\u00e4t w\u00e4ren sie f\u00e4hig, Zusammenh\u00e4nge in einer Firma oder der Gesellschaft auf eine Art darzustellen, welche frei von gesellschaftlichen R\u00fccksichtnahmen und falschen Versprechungen ist. Das ist nicht immer nett, aber ehrlich und h\u00e4ufig notwendig. Asperger sind stark darin, eine andere Meinung einzubringen. Wo Meinungsvielfalt angestrebt wird, in F\u00fchrungsgremien beispielsweise, k\u00f6nnte die Meinung eines Aspergers bereichernd sein.<\/p>\n<p>Das Bewusstsein, dass Personen mit Asperger ein schlummerndes Potential darstellen, scheint langsam in der Gesellschaft Fuss zu fassen. So sind im Informatikbereich Firmen entstanden (z.B. <a title=\"Specialisterne\" href=\"http:\/\/ch.specialisterne.com\/\" target=\"_blank\">Specialisterne<\/a> oder <a title=\"Asperger-Informatik\" href=\"http:\/\/www.asperger-informatik.ch\/\" target=\"_blank\">Asperger-Informatik<\/a>), welche gezielt Software-Spezialisten mit Asperger-Syndrom rekrutieren. Sie rechnen sich aus, mit Arbeitspl\u00e4tzen, welche gezielt auf die Bed\u00fcrfnisse solcher Mitarbeiter zugeschnitten sind, einen Wettbewerbsvorteil erzielen zu k\u00f6nnen, der es ihnen erlaubt, ihre Dienstleistungen gewinnbringend anzubieten.<\/p>\n<p>Diese Firmen versuchen, das Potential von Asperger zu nutzen, indem sie Asperger-Personen auf dem Arbeitsmarkt suchen. Das kann hilfreich sein f\u00fcr Personen mit Asperger, welche in solchen Firmen den Einstieg in die Arbeitswelt oder \u00fcber einen Stellenwechsel beruflich vorw\u00e4rts kommen. Gefragt w\u00e4ren allerdings auch Scouts, welche das Potential von Asperger-Personen innerhalb eines Unternehmens aufsp\u00fcren und die f\u00e4hig sind, dieses Potential zum Vorteil des jeweiligen Unternehmens zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Asperger-Personen brauchen nicht mehr Aufmerksamkeit als andere Personen. Aber weil sie weniger Aufmerksamkeit erregen, bekommen sie weniger davon. Das ist so folgerichtig wie ungl\u00fccklich. Mitleid ist kein Mittel, um Asperger-Personen gerecht zu werden. Was Menschen mit Asperger hilft ist Anteilnahme in Form von bewusster Aufmerksamkeit. Asperger sind Aussenseiter, die nicht am Rand der Gesellschaft stehen. Das kann sie zu Einsichten f\u00fchren, welche anstossen und verunsichern. Solche Irritationen k\u00f6nnen durch ein als unsensibel empfundenes Verhalten der Asperger verst\u00e4rkt werden. In einer Situation dieser Art reagieren die Betroffenen \u00fcblicherweise, indem sie sich abwenden. Eine solcher Reaktion ist allerdings f\u00fcr beide Seiten ein Schaden. Statt dessen sollte die betroffene Person neugierig bleiben und nachfragen, warum und wie der Asperger zu seinen Ansichten gelangt ist. F\u00fcr die Beziehung mit Aspergern gilt: Explizit ist besser als implizit. Asperger zwingen ihr Umfeld zu einem erh\u00f6hten Mass an Offenheit. Das ist der Preis, welcher das gesellschaftliche Umfeld zu zahlen hat, will es Asperger und deren Potential aus dem Schatten holen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Asperger in unserer Gesellschaft Personen mit Asperger-Syndrom bewegen sich in der Gesellschaft als h\u00e4tten sie eine Tarnkappe \u00fcbergest\u00fclpt bekommen. Sie fallen nicht auf und finden keine Beachtung. 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