{"id":497,"date":"2026-04-29T08:02:06","date_gmt":"2026-04-29T08:02:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.aktion-hip.ch\/blog\/?p=497"},"modified":"2026-04-29T08:02:06","modified_gmt":"2026-04-29T08:02:06","slug":"ich-bin-fremdenfeindlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aktion-hip.ch\/blog\/?p=497","title":{"rendered":"Ich bin fremdenfeindlich"},"content":{"rendered":"\n<p>Fremdenfeindlichkeit ist ein Schimpfwort. Wer als fremdenfeindlich bezeichnet wird, soll gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Niemand will fremdenfeindlich sein. Dabei ist es nachvollziehbar und rational, dass zumindest ein Teil der Bev\u00f6lkerung das Gegenteil von fremdenfreundlich ist, n\u00e4mlich ablehnend gegen\u00fcber fremden Personen im eigenen Land. Fremdenfeindlichkeit in einer Gesellschaft ist ebenso sinnvoll wie Fremdenfreundlichkeit. Es gibt keinen Grund, die eine Haltung als moralisch besser zu betrachten und die andere abzulehnen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aus welchen Gr\u00fcnden ist Fremdenfeindlichkeit gesellschaftlich sinnvoll?<\/p>\n\n\n\n<p>Wohlhabend f\u00fchlen wir uns, wenn wir viele G\u00fcter und Dienstleistungen konsumieren k\u00f6nnen. Zu diesem Zweck muss die Gesellschaft solche G\u00fcter und Dienstleistungen preiswert herstellen k\u00f6nnen. Die arbeitsteilige Gesellschaft kann das. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft sind Spezialisten in der Lage, viele G\u00fcter in kurzer Zeit zu produzieren oder Dienstleistungen anzubieten. Doch das reicht nicht aus f\u00fcr den Wohlstand einer Gesellschaft. Die von den Spezialisten produzierten G\u00fcter m\u00fcssen auch dorthin gelangen, wo die gr\u00f6sste Nachfrage und Kaufbereitschaft besteht. Es braucht nicht nur die Produktion, sondern auch M\u00e4rkte f\u00fcr den Austausch. Marx nannte diese Bereiche in seinem Werk <em>Produktionssph\u00e4re<\/em> und <em>Zirkulationssph\u00e4re<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist naheliegend, anzunehmen, dass sich die Mentalit\u00e4t von Personen unterscheiden, je nachdem, ob sie ihren Lebensunterhalt in der Produktions- oder in der Zirkulationssph\u00e4re verdienen. Vor allem, was ihre Haltung gegen\u00fcber Personen betrifft, die sie nicht kennen und als fremd wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen aus der Produktionssph\u00e4re, beispielsweise Bauern, Schreiner oder Arbeiter, sind lokal ausgerichtet. Sie haben instinktiv das Bed\u00fcrfnis, ihre Produktionsmittel zu sch\u00fctzen. Diese Produktionsmittel sichern ihnen nicht nur die gegenw\u00e4rtigen Eink\u00fcnfte, sondern sichern sie auch vor den Risiken in der Zukunft. Fremde Personen stellen unter diesen Umst\u00e4nden potenziell eine Gefahr dar. Einerseits beanspruchen sie die gleichen Ressourcen, andererseits greifen sie m\u00f6glicherweise auf die Produktionsmittel zu. Im besten Fall muss man knappe Ressourcen mit Fremden teilen, im schlimmeren Fall gef\u00e4hrden sie die Perspektiven f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen, die Handel treiben, m\u00fcssen anders denken und handeln. Wollen sie erfolgreich sein, m\u00fcssen sie mobil sein und ein Gef\u00fchl gegen\u00fcber fremden Personen entwickeln, welches es ihnen erlaubt, in kurzer Zeit zu entscheiden, ob die Person vertrauensw\u00fcrdig ist oder nicht. Vertrauensw\u00fcrdige Personen k\u00f6nnen zu m\u00f6glichen Handelspartnern werden oder zumindest weitere Kontakte vermitteln. Unredliche oder feindliche Personen m\u00fcssen vorsichtig auf Distanz gehalten und freundliche gestimmt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese \u00dcberlegungen zeigen: Produktive Personen sind tendenziell sesshaft, bewahrend und risikofeindlich, Handel-treibende Personen sind eher offen und risikofreudig. Personen aus der Produktionssph\u00e4re sind vergleichsweise zur\u00fcckhaltend und distanziert. Zum eigenen Vorteil wirken solche Menschen auf Fremde verschlossen und abweisen. Dagegen sind Menschen aus der Zirkulationssph\u00e4re, zum eigenen Vorteil, grunds\u00e4tzlich gastfreundlich gesinnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Seidenstrasse als Verbindung vom Mittelmeerraum nach Ostasien ist ein klassisches Beispiel f\u00fcr den Wohlstand, der durch Handel m\u00f6glich wird. Auf der antiken Seidenstrasse handelten Europ\u00e4er Wolle, Gold und Silber im Austausch mit Seide. Auf der Seidenstrasse wurden aber nicht nur G\u00fcter, sondern auch Ideen und religi\u00f6se Konzepte ausgetauscht. Ein solcher Austausch steht gemeinhin f\u00fcr Offenheit, er kann aber auch negative Effekte zeigen. Auch Kolonialismus und kulturelle Arroganz werden \u00fcber diesen Weg ausge\u00fcbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gastfreundlichkeit nicht einfach gut ist, war schon Max Frisch bewusst. Sein Schauspiel \u00abBiedermann und die Brandstifter\u00bb ist ein Lehrst\u00fcck falsch verstandener Gastfreundschaft. In diesem St\u00fcck ist es ein Unternehmer, welcher sich von einem Fremden manipulieren l\u00e4sst. Statt den Fremden mit der geb\u00fchrenden Vorsicht zu behandeln, gew\u00e4hrt er diesem Einlass in sein Haus und steht am Schluss vor einem ausgebrannten Heim.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich bin ich nicht fremdenfeindlich. Mir ist bewusst, dass der Handel und, damit einhergehend, die Offenheit der Schweiz bedeutend f\u00fcr den Wohlstand der Schweiz ist. Aber ich verstehen, dass viele Menschen in der Schweiz eine Haltung vertreten, die gemeinhin als fremdenfeindlich bezeichnet wird. Eine Person, die sich, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, skeptisch gegen\u00fcber Ausl\u00e4ndern zeigt, vorschnell als fremdenfeindlich abzustempeln, finde ich arrogant. Besser und f\u00fcr den politischen Diskurs hilfreicher w\u00e4re es, sich zu fragen, welche Gr\u00fcnde zu einer solchen Haltung f\u00fchren. Oft stehen nachvollziehbare Gr\u00fcnde und Erlebnisse hinter solchen Haltungen, die wahrgenommen werden m\u00fcssen, damit politisch sinnvolle L\u00f6sungen gefunden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fremdenfeindlichkeit ist ein Schimpfwort. Wer als fremdenfeindlich bezeichnet wird, soll gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Niemand will fremdenfeindlich sein. Dabei ist es nachvollziehbar und rational, dass zumindest ein Teil der Bev\u00f6lkerung das Gegenteil von fremdenfreundlich ist, n\u00e4mlich ablehnend gegen\u00fcber fremden Personen im eigenen Land. Fremdenfeindlichkeit in einer Gesellschaft ist ebenso sinnvoll wie Fremdenfreundlichkeit. 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