Die NZZ berichtete kürzlich von einer Studie, die aufzeigt, dass die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) bei den Jungen an Beliebtheit verlieren. Die Angehörigen der Generation Z schätzen die Arbeit in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen nicht. Auffällig ist, dass das Desinteresse gegenüber den MINT-Fächern von Generation zu Generation zunimmt. Das ist keine positive Aussicht. Eine Gesellschaft, welche die technisch-naturwissenschaftlichen Berufe geringschätzt, wird Probleme bekommen.
Technisch-naturwissenschaftliche Berufe sind durch Zahlen und Fakten geprägt. Diese ermöglichen Vergleichbarkeit und Wettbewerb. Dies wiederum ermöglicht Innovationen und Fortschritt. Wo nicht verglichen werden kann, ist Fortschritt nur gefühlt möglich. Subjektiv mag das in Ordnung sein, für eine ganze Gesellschaft taugt das nicht.
Damit eine Gesellschaft in der Lage ist, anstehende Probleme zu lösen, was als Fortschritt verstanden werden kann, dann müssen diese Probleme auf objektive Weise gelöst werden, d.h. zum Nutzen der ganzen Gesellschaft. Dazu braucht es aber genügend Personen, welche MINT-Fähigkeiten haben und diese beruflich erfolgreich umsetzen können.
Die Hinweise, dass MINT-Fächer an Ansehen verlieren, sind nicht neu. Sie bleiben auch nicht unbemerkt. Sie werden nur an den falschen Orten wahrgenommen.
In erster Linie sind es technisch ausgerichtete Hochschulen, die reagieren. Beispielsweise damit, dass sie einen «Tag der offenen Tür» für interessierte Kinder einrichten, oder mit Publikumsveranstaltungen (z.B. Scientifica) den Besuchern ihre Tätigkeitsgebiete vorstellen. Das ist etwa so zielführend, wie wenn ein Bauernhof einen Tag der offenen Tür für Bauernkindern anbietet. Welchen Nutzen hat es, Personen anzusprechen, welche nicht überzeugt werden müssen? Man muss nicht diejenige abholen, die schon im Wagen sitzen!
Die Studie der FH Oberösterreich enthält einen weiteren besorgniserregenden Hinweis: Der Gender-Gap bei MINT-Berufen bleibt bestehen. Der Studienleiter bemerkt dazu lakonisch: «Man hat es ganz einfach mit einer im Durchschnitt geringeren Interesse von Frauen für technische Berufe zu tun.»
Wenn man Jahr für Jahr feststellt, dass Frauen weniger Interesse an MINT-Fächern haben und diese Differenz nicht kleiner wird, dann gibt es zwei ehrliche Folgerungen aus dieser Erkenntnis. Entweder ist man bereit, diese Differenz zu akzeptieren. Damit signalisiert man, dass Frauen, auch in Bezug auf MINT-Fähigkeiten, anders sind als Männer und dass dies gesellschaftlich akzeptiert wird. Oder man sucht nach Möglichkeiten, diese Differenz zu verkleinern.
Ich bin ein starker Vertreter der zweiten Option. Welche Option sehe ich, um den Stellenwert von MINT-Fächern generell und speziell bei Frauen zu erhöhen?
Aus meiner Sicht sind es die pädagogischen Hochschulen, die versagen, wenn es darum geht, den Stellenwert von MINT zu fördern. Ich habe schon im Blog-Artikel «Starke Lehrerinnen machen starke Frauen» darauf hingewiesen.
Die Ausbildung auf Primarschulstufe ist stark von Frauen geprägt. Gemäss statistischen Zahlen beträgt der Frauenanteil bei den Abschlüssen auf dieser Stufe mehr als 80% (BfS, Lehrkräfteausbildung in der Schweiz). Der Lehrerberuf zählt nicht zu den MINT-Fächern. Im Gegenteil sind es wohl genau die Frauen, welche eine starke Abneigung gegenüber naturwissenschaftlich-technischem Fachwissen aufweisen, die diesen Beruf wählen.
Die Zeit vor und in der Pubertät ist eine prägende Zeit für jede Person, speziell auch in Bezug auf die Geschlechtsidentität. In dieser Zeit sind die Lehrpersonen, neben den Eltern, diejenige Erwachsene, welche den engsten Kontakt zu den Schülern haben. Genau aus diesem Grund haben die Lehrpersonen eine wichtige Erziehungs- und Vorbildfunktion. Bewusst oder unbewusst geben sie viele Werte, Ängste und Vorurteile an ihre Schüler weiter. Das betrifft auch speziell die Einstellung zu den MINT-Fächern.
Die konkrete Frage lautet somit: wie kann eine Lehrerin, welche eine innere Abneigung gegenüber MINT-Fächern besitzt, ihren Schülern und speziell auch ihren Schülerinnen einen unbeschwerten Zugang zu diesen Fächern eröffnen?
Das Thema MINT kommt in der Lehrerausbildung nur am Rande vor. Die PH Zürich als Beispiel bietet zwar einen CAS Hochschuldidaktik MINT an. Dieser richtet sich allerdings an Dozenten von Hochschulen (Fachhochschulen, Universitäten, Pädagogischen Hochschulen), die in MINT-Fächern tätig sind. Die berufliche Weiterbildung soll diese befähigen, das MINT-Fachwissen ihren Studenten didaktisch kompetent zu vermitteln. Offensichtlich werden hier Personen angesprochen, welche schon in diesem Gebiet tätig sind. Die PH Zürich beschäftigt sich in keiner Weise damit, wie sie ihre zukünftigen Primarlehrerinnen dazu befähigt, bei deren zukünftigen Schülerinnen die Begeisterung für technische und naturwissenschaftliche Fragen zu wecken.
Es ist dringend notwendig, dass sich die pädagogischen Hochschulen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusstwerden. Wenn das Ansehen der MINT-Fächer in der Gesellschaft schwindet, so reflektiert das die Geisteshaltung an den pädagogischen Hochschulen. Das ist nicht zum Wohl der Gesamtgesellschaft. Diese Erkenntnis muss bei den pädagogischen Hochschulen unbedingt ankommen.