Fremdenfeindlichkeit ist ein Schimpfwort. Wer als fremdenfeindlich bezeichnet wird, soll gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Niemand will fremdenfeindlich sein. Dabei ist es nachvollziehbar und rational, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung das Gegenteil von fremdenfreundlich ist, nämlich ablehnend gegenüber fremden Personen im eigenen Land. Fremdenfeindlichkeit in einer Gesellschaft ist ebenso sinnvoll wie Fremdenfreundlichkeit. Es gibt keinen Grund, die eine Haltung als moralisch besser zu betrachten und die andere abzulehnen.
Aus welchen Gründen ist Fremdenfeindlichkeit gesellschaftlich sinnvoll?
Wohlhabend fühlen wir uns, wenn wir viele Güter und Dienstleistungen konsumieren können. Zu diesem Zweck muss die Gesellschaft solche Güter und Dienstleistungen preiswert herstellen können. Die arbeitsteilige Gesellschaft kann das. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft sind Spezialisten in der Lage, viele Güter in kurzer Zeit zu produzieren oder Dienstleistungen anzubieten. Doch das reicht nicht aus für den Wohlstand einer Gesellschaft. Die von den Spezialisten produzierten Güter müssen auch dorthin gelangen, wo die grösste Nachfrage und Kaufbereitschaft besteht. Es braucht nicht nur die Produktion, sondern auch Märkte für den Austausch. Marx nannte diese Bereiche in seinem Werk Produktionssphäre und Zirkulationssphäre.
Es ist naheliegend, anzunehmen, dass sich die Mentalität von Personen unterscheiden, je nachdem, ob sie ihren Lebensunterhalt in der Produktions- oder in der Zirkulationssphäre verdienen. Vor allem, was ihre Haltung gegenüber Personen betrifft, die sie nicht kennen und als fremd wahrnehmen.
Menschen aus der Produktionssphäre, beispielsweise Bauern, Schreiner oder Arbeiter, sind lokal ausgerichtet. Sie haben instinktiv das Bedürfnis, ihre Produktionsmittel zu schützen. Diese Produktionsmittel sichern ihnen nicht nur die gegenwärtigen Einkünfte, sondern sichern sie auch vor den Risiken in der Zukunft. Fremde Personen stellen unter diesen Umständen potenziell eine Gefahr dar. Einerseits beanspruchen sie die gleichen Ressourcen, andererseits greifen sie möglicherweise auf die Produktionsmittel zu. Im besten Fall muss man knappe Ressourcen mit Fremden teilen, im schlimmeren Fall gefährden sie die Perspektiven für die Zukunft.
Menschen, die Handel treiben, müssen anders denken und handeln. Wollen sie erfolgreich sein, müssen sie mobil sein und ein Gefühl gegenüber fremden Personen entwickeln, welches es ihnen erlaubt, in kurzer Zeit zu entscheiden, ob die Person vertrauenswürdig ist oder nicht. Vertrauenswürdige Personen können zu möglichen Handelspartnern werden oder zumindest weitere Kontakte vermitteln. Unredliche oder feindliche Personen müssen vorsichtig auf Distanz gehalten und freundliche gestimmt werden.
Diese Überlegungen zeigen: Produktive Personen sind tendenziell sesshaft, bewahrend und risikofeindlich, Handel-treibende Personen sind eher offen und risikofreudig. Personen aus der Produktionssphäre sind vergleichsweise zurückhaltend und distanziert. Zum eigenen Vorteil wirken solche Menschen auf Fremde verschlossen und abweisen. Dagegen sind Menschen aus der Zirkulationssphäre, zum eigenen Vorteil, grundsätzlich gastfreundlich gesinnt.
Die Seidenstrasse als Verbindung vom Mittelmeerraum nach Ostasien ist ein klassisches Beispiel für den Wohlstand, der durch Handel möglich wird. Auf der antiken Seidenstrasse handelten Europäer Wolle, Gold und Silber im Austausch mit Seide. Auf der Seidenstrasse wurden aber nicht nur Güter, sondern auch Ideen und religiöse Konzepte ausgetauscht. Ein solcher Austausch steht gemeinhin für Offenheit, er kann aber auch negative Effekte zeigen. Auch Kolonialismus und kulturelle Arroganz werden über diesen Weg ausgeübt.
Das Gastfreundlichkeit nicht einfach gut ist, war schon Max Frisch bewusst. Sein Schauspiel «Biedermann und die Brandstifter» ist ein Lehrstück falsch verstandener Gastfreundschaft. In diesem Stück ist es ein Unternehmer, welcher sich von einem Fremden manipulieren lässt. Statt den Fremden mit der gebührenden Vorsicht zu behandeln, gewährt er diesem Einlass in sein Haus und steht am Schluss vor einem ausgebrannten Heim.
Natürlich bin ich nicht fremdenfeindlich. Mir ist bewusst, dass der Handel und, damit einhergehend, die Offenheit der Schweiz bedeutend für den Wohlstand der Schweiz ist. Aber ich verstehen, dass viele Menschen in der Schweiz eine Haltung vertreten, die gemeinhin als fremdenfeindlich bezeichnet wird. Eine Person, die sich, aus welchen Gründen auch immer, skeptisch gegenüber Ausländern zeigt, vorschnell als fremdenfeindlich abzustempeln, finde ich arrogant. Besser und für den politischen Diskurs hilfreicher wäre es, sich zu fragen, welche Gründe zu einer solchen Haltung führen. Oft stehen nachvollziehbare Gründe und Erlebnisse hinter solchen Haltungen, die wahrgenommen werden müssen, damit politisch sinnvolle Lösungen gefunden werden können.